Publikationen
Die gegenwärtige Zukunft der Kinder und Jugendlichen
Hanspeter Beerli
Wie wird die zukünftige Berufswelt aussehen? Welche Kompetenzen setzt sie voraus?
Schulabgänger und -abgängerinnen mit einem (zu) kleinen Bildungsrucksack für die Fordernisse der Zukunft müssen gerade diese fürchten - die sozialen Folgen scheinen vorprogrammiert.
Haben sie den richtigen "Proviant", die richtige "Ausrüstung" sinnvoll eingepackt?
Es kann darum nicht falsch sein, dass die Einstellung der Eltern nach der besten Bildung für ihre Kinder, verbunden mit den höchsten Karrieremöglichkeiten eine lange gewachsene Tradition fortsetzt. Und das heisst in vielen Fällen möglichst lange in die Schule zu gehen; am liebsten ins Gymnasium und nachher studieren.
Ist die akademische Ausbildung weiterhin und in jedem Fall automatisch mit "ausgesorgt" und mit hohem Sozialprestige verbunden?
Wohin geht die Reise?
Es sei an den Eltern, die neugebildeten Nervenverbindungen der Babys sofort alle zu nutzen und dem Kind möglichst früh einen guten Start für die Lebensreise zu geben. Sonst hätten sie dessen Chancen schon zu Beginn verspielt. Gemäss anderer Ansicht sei Erziehung praktisch sinnlos, da ein grosser Teil der Entwicklung die Gene bestimmen und der Freundeskreis der Kinder den "Rest" erledige. Diese Reise wird häufig mit einem Wettkampf verwechselt, für den man die Kinder fit zu machen habe, fit für die Welt, die da komme.
Für welche Welt denn?
Könnten wir eine bekannte Redewendung etwa so abändern: "Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir, dass wir höchstens vermuten können, was die Zukunft beinhaltet." Einverstanden? Dann ist dies bezüglich der heranwachsenden, zukünftigen Aktiv-Generation bedeutsam, nachdenklich machend, verhaltensentscheidend.
Welche Art von Menschen wird morgen für welche Art von Arbeit gefragt sein?
Es gibt Leute, die verharrensorientiert behaupten, auswendig lernen und Prüfungen absolvieren sei der Weg des Erfolgs. Aber nun mal ehrlich, wie können heutige Erwachsene schlüssig entscheiden, über welches Wissen die Erwachsenen von morgen verfügen sollen? Erwachsene, die zum Teil heute schon Mühe haben, die neue Denkweise ihrer Computerkids zu verstehen?
Wie sehen optimistische Schul- und Bildungsstrategien aus?
Wenn wir eines berücksichtigen sollten, ist es doch die Erkenntnis, dass der Weg ständige Bereitschaft für Veränderung verlangt. Veränderungen, die mit Sicherheit durch Ängste blockiert werden. Es lauern die Gefahren der Verhinderung aber auch der überhasteten Kurzschlüsse. Dem zuvorzukommen heisst auch am entsprechenden Menschenbild zu arbeiten.
Sind die Beteiligten in Schule und Ausbildung darauf vorbereitet
Kindheit – Schule – Lernen
Entwicklungsfähig!
Trotz, oder gerade wegen des Wandels gehe ich davon aus, dass ein Neugeborenes ein Individuum auf dem Weg zu seiner persönlichen Identität ist. Ich glaube auch, dass die Eltern, die Umgebung, die Schule, aber vor allem der Mensch selbst sehr viel bewirken können - im Guten wie im Schlechten. Ich habe erfahren, dass Eltern-Ehrgeiz für die Kinder ebenso schädlich sein kann wie Vernachlässigung, dass selbst entdecken lassen sich eindeutig mehr "lohnt" als verwöhnen und Steine aus dem Weg räumen. Ich bin besonders froh zu vernehmen, dass das Menschenhirn sehr viel flexibler ist, als bislang angenommen: Es kann sich verändern; lebenslang. Sicher wird der Mensch durch das geprägt, was er in frühen Jahren erlebt, doch er hat auch die Chance "Verlorenes" nachzuholen. Was Hänschen nicht lernt ... - hat endlich ausgedient! Aber wie er es lernt! Und unter welchen Umständen und Bedingungen ist entscheidend.
Kompetent!
Arbeit und Lernen sind in die Krise geraten; in Zukunft wird kaum noch jemand so arbeiten und lernen, wie es bisher üblich war, die intelektuellen, emotionalen, sozialen Anforderungen sind gestiegen und verändern sich laufend. Nun, das heisst für die Schule, dass sie mithelfen muss (darf), die Schülerinnen und Schüler mit den Kompetenzen ausrüsten zu helfen, die es ermöglichen, für diese gewandelte Welt gewappnet zu sein, sie zu verstehen und verantwortlich in ihr zu handeln. Es ist bezeichnend, dass in gegenwärtigen Stellenanzeigen blosses "angeeignetes" Wissen nicht genannt wird - jobspezifisches Wissen, Können und Handeln wird stillschweigend in eigener Verantwortung vorausgesetzt. Gefragt sind Persönlichkeits- und Sozialkompetenz, Lern- und Teamfähigkeit, Methodenkompetenz, Kreativität, Initiative, Handlungs- und Entscheidungskompetenz. Anstelle von "Wissen" wird Bildung zur Schlüssel-Ressource! Und damit wird die Schule nicht überflüssig; sie könnte geradezu mit-entscheidend sein.
Gefordert!
Es stellt sich deshalb die fundamentale Frage, ob die neuen Kompetenzen durch das klassische Lehren und Lernen vermittelt und erworben werden können. Etwa durch Zuhören beim Unterricht? Durch Lektüre von Lehrbüchern? Durch Teilnahme an Prüfungen?
Von der Lehrkultur zur Lernkultur
Welche Form des Lernens könnte Schülerinnen und Schülern zum Erwerb der genannten Kompetenzen verhelfen? Welche Form des Lernens könnte
- sie zur Eigentätigkeit herausfordern, statt abzuwarten?
- sie selbstständig Probleme lösen lassen, statt Antworten auswendig zu lernen?
- sie zum Planen und Organisieren ihres Lernens bringen, statt Anweisungen auszuführen?
- sie über das eigene Lernen nachdenken lassen, statt Meinungen zu übernehmen?
- sie kooperatives Lernen und Teamarbeit üben lassen, statt den Einzelkämpfer zu markieren?
- sie ermutigen, Fehler zu machen, statt sie ängstlich zu vermeiden?
- sie befähigen, die Arbeitsergebnisse selbst zu prüfen und zu beurteilen, statt sich bloss Fremdbeurteilung zu unterziehen?
- sie im Selbstvertrauen wachsen lassen, statt ihnen ihr Unvermögen vorzuhalten?
- sie in ihrer Urteils- und Entscheidungsfähigkeit bestärken, statt sie in Abhängigkeit belassen?
Das anzustrebende Ziel des Lehrens heisst unabhängiges, selbstgesteuertes, selbstverantwortetes, autonomes Lernen ermöglichen und fördern.
Das Lernen entdecken
Aktiv und Problem lösend
Je mehr Erkenntnisse die Schülerinnen und Schüler selber entdecken und je besser sie den Lerngegenstand in einem grösseren Zusammenhang sehen, umso aktiver und engagierter sind sie. Diese Forschungsarbeit macht sie immer neugieriger und sie motivieren sich damit selber. Dabei ist zu beachten, dass soweit möglich keine Arbeit ohne Ziel und Struktur angegangen wird. Wichtig ist, dass die Erkenntnisse reflektiert, überprüft und ausgetauscht werden.
Motiviert und verantwortlich
Es bestätigt sich laufend, dass der wichtigste Faktor für die Motivation in den Kindern und Jugendlichen selber liegt. Sie können und wollen (manchmal können sie noch nicht wollen!) immer reflektierter entscheiden, ob sie sich für ein Ziel engagieren. Gut so! Entscheidend ist die Grundhaltung, dass das Kind für seine Zukunft mitverantwortlich, allmählich selbstverantwortlich ist. In einer eher fürsorglichen, erlaubenden Umgebung ist die Versuchung allerdings gross, in einem Zustand zu verbleiben, der kaum Verantwortung aufbürdet und trotzdem viele Privilegien gewährt. Bedeutsam für die Schülermotivation ist, wenn der positiven Einstellung der Eltern zur Schule und zur Schülerleistung grosses Gewicht zuerkannt wird. Es ist darum der Schluss zu ziehen, dass der Elternarbeit im Schulleben eine hohe Bedeutung zukommt. Wesentlich ist selbstverständlich der Lernort selbst. Die schulischen Rahmenbedingungen müssen entsprechend eingerichtet sein, wenn Jugendliche zu Selbstbestimmung und Autonomie streben. Pädagogisch hoch engagierte Lehrpersonen, ein positiv förderliches, partnerschaftliches, menschliches Schulklima, eine Schule, mit der sich die Schülerinnen und Schüler stark identifizieren steigern die Leistungsmotivation grundsätzlich.
Auf dem Weg zum selbstständigen Lernen
Auf dem Weg zum selbstgesteuerten Lernen ist es Ziel, dass die Kinder und Jugendlichen weitgehend selbstständig arbeiten und dabei auch die Möglichkeiten nutzen, über ihre individuellen Lernkanäle Wissen aufnehmen zu können.
Niemand erwartet, dass unsere Schülerinnen und Schüler vom ersten Tag an über die Arbeitstechniken, den Willen und den Mut für ihre individuellen Lernprozesse verfügen. Die Unterschiedlichkeit der Menschen gilt auch für den Entwicklungsweg der eigenen Anlagen bezüglich Denken, Fühlen und Wollen - es wäre verfehlt, sie alle nach einer Norm zu formen.
Freie Wahl mit Ziel und Plan
Die Kinder verfügen über unterschiedliche Intelligenzpotenziale, unterschiedliche ausserschulische Lernerfahrungen, unterschiedliche Lerntempi und unterschiedliche Interessen. Sie müssen daher aus verschiedenen Lernangeboten, rsp. -anforderungen auswählen dürfen. Dürfen? Bei diesen Erklärungen flackert jeweils das blanke Entsetzen in den Augen meiner Gegenüber; was ich einerseits gut verstehen kann, geistert doch die unvergorene Idee vom laissez-faire-Stil durch die Schulstuben vergangener Jahrzehnte. Andererseits ist diese Freiheit die Nagelprobe, ob Eltern wirklich "nur das Beste" für ihr Kind wollen, dass es das, was in ihm steckt, hervorbringen und entwickeln könne. Wichtig ist, dass klare Abmachungen über die gemeinsamen Ziele getroffen werden, regelmässige Gespräche betreffend der Entwicklung stattfinden, entsprechende Massnahmen und Veränderungen vorgenommen werden und - die kantonalen Lehrpläne gelten für alle.
Es lebe der Unterschied
Die Schülerinnen und Schüler arbeiten zum Teil an unterschiedlichen Aufgaben. Diese sind leistungsdifferenziert und können auch interesseabhängig sein. Dabei hat jeder Anspruch darauf, dass seine individuelle Leistung gewürdigt wird. Leistungsbeurteilung, die ausschliesslich von einer Durchschnittsnorm ausgeht, beachtet die Anstrengung des Einzelnen zu wenig. Eine Gesamtbeurteilung steht ganz im Dienst der Förderung und gibt ein umfassendes Bild des Einzelnen wieder. Sie setzt sich aus Selbst- und Fremdbeurteilung zusammen. Besonders die fortlaufende Selbsteinschätzung verhilft den Schülerinnen und Schülern ihre Selbststeuerung zu entwickeln. Im Beurteilungsgespräch wird das Selbstbild an der Fremdeinschätzung der Lehrpersonen gemessen.
Gemeinsam statt einsam
Die Aufgaben werden allein, partnerschaftlich oder in kleinen Gruppen bearbeitet. Dabei zeigt sich immer wieder, dass die Wirkung des kooperativen, im Dialog geführten Lernens von grosser Bedeutung ist. Aktives und vor allem erfolgreiches Lernen ist sicher auch mit Geräuschen verbunden, aber dies ist der "Lärm" des sinnvollen Austausches von Denkprozessen. Sollte es zu laut werden, ist dies eine willkommene Gelegenheit, über Rücksichtnahme zu sprechen - soziales Lernen live. Im Projektunterricht steht möglichst der Realitätsbezug des Lernens im Vordergrund wie auch das vielzitierte Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Die Ergebnisse, noch lieber die Erkenntnisse eines Projekts sind "anfassbare" Produkte, wie Plakate, Dokumentationen, Präsentationen vor Publikum oder am PC.
Gefordert und gefördert
Viele Ergebnisse können mit Hilfe der Lösungsblätter selbst oder mit Partnern korrigiert werden. Dabei sollten die Schüler ihre Leistung selbst einschätzen und entscheiden, ob und wie sie weiterhelfende Förderung brauchen. Das kann aus einer Sequenz mit der Lehrperson bestehen oder gar aus einem grundsätzlichen brush-up mit Hilfe eines Lernprogramms. Zwischenkontrollen und Stichproben der Lehrperson sind kein Rückfall ins Misstrauen-Zeitalter, sondern nötige Aufgabe des begleitenden, erfahrenen Mentors. Dabei kann er/sie mit Fragen wie: "Kannst du beschreiben, was du jetzt machst?" oder "Wo hilft dir die Erkenntnis aus dieser Aufgabe auch noch?" erkennen, mit welcher Strategie der oder die Betreffende denkt und lernt.
Vertrauen hilft gegen "Bauchschmerzen"
Viele Lehrpersonen und Eltern haben heftige Bauchschmerzen mit dem selbstständigen Lernen. Vielfach wird die Notwendigkeit aus den genannten Gründen zwar eingesehen, doch kennt man doch seine Pappenheimer. Der schreibt doch alles ab! Und die tut ja nie etwas aus eigenem Antrieb! Und jene schwatzen sowieso nur unnützes Zeug! Und dann diese Unruhe! Und dann muss doch der Stoff ... !
Die Einwände können berechtigt sein. Lehrpersonen möchten aufgeben und zum vertrauten Unterricht zurückkehren. Eltern wären beruhigt, für den Moment wenigstens. Wenn selbstständiges Lernen nur als Modeerscheinung betrachtet wird, die mal versucht werden und beim kleinsten Vorkommnis aufatmend abgehakt werden kann, dient das niemandem.
Um in der gewandelten Welt gewappnet zu sein, gibt es keine Alternative.
Nicht alle Schülerinnen und Schüler werden auf Anhieb vom autonomen Lernen begeistert sein. Viele merken sofort, dass es viel anstrengender ist als andere Unterrichtsformen, in denen "abgeschaltet" werden kann.
Es gilt mit dem eigenen Vorbild die Schülerinnen und Schüler mitzureissen, ihnen den Weg immer wieder plausibel zu begründen, klare Regeln aufzustellen, regelmässige Gespräche zu führen und - das Wichtigste von allem - Vertrauen in sich und die Schülerinnen und Schüler entwickeln!
Und dann komme die Welt, die wir zwar noch nicht kennen, die wir aber mitgestalten und in der wir uns zurechtfinden. Wir sind vorbereitet!
9. August 2000 Hanspeter Beerli
Hanspeter Beerli
Geboren 1947. Pädagogischer Leiter der LIPSCHULE Zürich (Lip - Lernen ist persönlich), Seminarlehrer am Real- und Oberschullehrerseminar Zürich, Lehrer der Sekundarstufe I, Lehr-/Lernberater; verschiedene Publikationen zu Schulentwicklung, Sprachenkonzept, Qualitätsüberprüfung und autonomes Lernen.
Adresse: LIPSCHULE Zürich, Seestr. 561, 8038 Zürich,
lip@LIPSCHULE.ch oder www.LIPSCHULE.ch
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